#13

Grüne Tomaten im Beet

,,Laut Federici hat der Kapitalismus die Form der Arbeiter*innenfamilie geschaffen, um das Proletariat ruhig zu stellen, das gegen die Ausbeutung im Akkord rebelliert hatte. So sollte eine produktivere und weniger widerspenstige Klasse geschaffen werden. In ihrer Perspektive fehlen jedoch die widersprüchlichen Prozesse des Klassenkampfes, da bei ihr in einer fast schon verschwörerischen Vision die herrschende Klasse als Trägerin einer unbegrenzten Macht zur Durchsetzung nicht nur der Bedingungen der Ausbeutung, sondern auch der Bedingungen der Reproduktion der Arbeiter*innenklasse erscheint, ohne jegliche Hindernisse oder Widerstände.

Die von Federici beschriebene Transformation, die in der Herausbildung der Kernfamilie gipfelt ist ein historischer Prozess. Die Kernfamilie ist dabei eine Familieneinheit, die sich durch den männlichen Arbeiterlohn und eine zur Haushälterin verwandelte Frau auszeichnet, die von diesem Lohn abhängig ist, der die Reproduktion der Arbeitskraft garantiert. Bei Federici erscheint dieser aber ohne Kämpfe für Lohnerhöhungen, für die Verringerung des Arbeitstages, ohne Teilsiege und Teilniederlagen. Er erscheint auch ohne Zugeständnisse, die die Kapitalist*innen auch zu geben gezwungen waren, um die Ausbeutung der Lohnarbeit in die für sie besten Bedingungen, die die Kräfteverhältnisse zwischen den Klassen zuließen, aufrechterhalten zu können. Demgegenüber ist es notwendig hervorzuheben, dass dieser Prozess, wie auch andere Prozesse, die wir in der kapitalistischen Produktionsweise beobachten können, widersprüchlich ist: Auf der einen Seite werden die Frauen aus der produktiven Sphäre herausgedrängt, um die Reduzierung der Kosten der Arbeitskraft durch ihre ausschließliche Beschäftigung mit unbezahlter Reproduktionsarbeit sicherzustellen. Aber so wird zugleich die zur Ausbeutung zur Verfügung stehende Bevölkerung reduziert, das heißt, der Teil, aus dem die Kapitalist*innen Mehrwert abschöpfen können.“

aus: ,,Mehr als Care: Silvia Federici, Arbeiterinnen und ihre Klasse“ (Link)

#12

Eine unbekannte Pflanze mit roten und rosa Blüten

,,Es muss noch festgestellt werden, dass es keine Konzession an eine naturalistische Vorstellung von ,,Weiblichkeit“ ist, wenn die Aufgabe einer Vergemeinschaftung (commoning) und Kollektivierung der Reproduktion Frauen zugeteilt wird. Verständlicherweise würden dies viele Feministinnen als ,,ein Schicksal schlimmer als der Tod“ ansehen. Dass Frauen zum Gemeingut von Männern erklärt worden sind, zu einer natürlichen Quelle von Wohlstand und Dienstleistungen, auf die Männer ebenso freimütig zugreifen können wie sich Kapitalisten des Reichtums der Natur bedienen, hat sich tief in unser kollektives Bewusstsein eingeschrieben. Doch gilt, was Dolores Hayden festgestellt hat: Die Reorganisierung der Reproduktionsarbeit, und somit auch unserer Wohnweise und des öffentlichen Raums, ist keine Frage der Identität, sondern eine der Arbeit, und wie wir hinzufügen können, auch eine der Macht und Sicherheit. Ich komme nicht umhin, in diesem Zusammenhang an die Erfahrungen weiblicher Mitglieder der brasilianischen Landlosenbewegung Movimento dos sem terra (MST) zu denken. Als ihre Communities das Recht erstritten hatten, auf dem von ihnen besetzten Land zu bleiben, bestanden diese Frauen darauf, die neuen Häuser so zu bauen, dass sie einen einzigen Komplex bildeten, um es den Frauen fortan zu ermöglichen, sich die Hausarbeit zu teilen, also gemeinsam zu waschen und zu kochen, abwechselnd mit den Männern, ganz so, wie sie es während ihres Kampfes getan hatten. Außerdem sollte es den Frauen dadurch möglich sein, sich gegenseitig zur Hilfe zu eilen, wenn eine von ihnen von einem Mann misshandelt wurde. Zu argumentieren, Frauen sollten bei der Kollektivierung der Reproduktionsarbeit und der Wohnweise vorangehen, heißt nicht, Hausarbeit als weibliche Berufung zu naturalisieren. Es heißt, der Auslöschung jener kollektiven Erfahrungen, Wissensformen und Kämpfe entgegenzutreten, die Frauen im Bereich der Reproduktionsarbeit gesammelt haben, und deren Geschichte ein wesentlicher Bestandteil unseres Widerstands gegen den Kapitalismus gewesen ist. Diese Geschichte wieder aufzugreifen stellt heute für Frauen wie Männer einen entscheidenden Schritt dar, um die vergeschlechtlichte Architektur unseres Lebens zunichte zu machen und unsere Haushalte und Leben als Commons aufzubauen.“

Silvia Federici, Aufstand aus der Küche

#11

Ein Hochbeet mit verschiedenen Blumen und Pflanzen vor dem Hintergrund eines Feldes

Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit unterstellt die unbedingte Autorität des Kapitalisten über Menschen, die bloße Glieder eines ihm gehörigen Gesamtmechanismus bilden; die gesellschaftliche Teilung der Arbeit stellt unabhängige Warenproduzenten einander gegenüber, die keine andre Autorität anerkennen als die der Konkurrenz, den Zwang, den der Druck ihrer wechselseitigen Interessen auf sie ausübt, wie auch im Tiereich das bellum omnium contra omnes die Existenzbedingungen aller Arten mehr oder minder erhält. Dasselbe bürgerliche Bewusstsein, das die manufakturmäßige Teilung der Arbeit, die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung und die unbedingte Unterordnung der Teilarbeiter unter das Kapital als eine Organisation der Arbeit feiert, welche ihre Produktivkraft steigre, denunziert daher ebenso laut jede bewusste gesellschaftliche Kontrolle und Reglung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in die unverletzlichen Eigentumsrechte, Freheit und sich selbst bestimmende ,,Genialität“ des individuellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, dass die begeisterten Apologeten des Fabriksystems nichts Ärgres gegen jede allgemeine Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als dass sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde.

Karl Marx, Das Kapital Band I

Atheismus

Ich habe sehr spät erst gemerkt, dass die Angebote, die sich an Ex-Fundis richten, es an der Vielfalt fehlen lassen. Und an der Radikalität. Einem Menschen, die frisch aus dem Fundamentalismus kommt, den Atheismus nicht anzubieten ist definitiv das Gemeinste, was mir widerfahren ist im Ex-Fundi-Coddling von zumeist US-Ami-Blogs, die irgendwie doch noch Religion wollten, aber einfach nur in progressiv. Vielleicht habe ich auch die sanfte Lösung gebraucht, die sanfte Ablösung von der Erlösung quasi. Ich dachte, ich finde schon einen Weg zwischen Befreiungstheolog*innen und linken Christen, ich kritisiere das Schlechte; ich erhalte mir das Schöne, Gute, Richtige. Naja. Wie es jemand mal hübsch gesagt hat: Wenn man erstmal Gott im eigenen Leben hat sterben sehen, dann gibt es sobald kein Zurück mehr. Und so bin ich hier gelandet und erstmal genervt. Also, dass es sowenig Ressourcen gibt für Ex-Fundis, nicht nur den Fundamentalismus, sondern Religion selbst zu hinterfragen. Um mit sich selbst und seiner Umgebung den harten Weg der Säkularisierung zu beginnen.
Deshalb will ich hier einen kleinen Tag starten, wo ich für mich wichtige Zitate zu diesem Thema sammle.

Falls ihr Gutes zum Thema kennt, schreibt mir gerne auf Twitter an @baum_glueck oder eine Email an tuwas(ätt)posteo(punkt)de

#10

Eine grauumrandete Tür und Fenster, umgeben von roten Fensterläden. Auf einem Fenstersims steht eine rotblühende Pflanze.

Soziale und wirtschaftliche Krisen zerschlagen, wie Streiks, die Disziplin der Lohnarbeit und zwingen uns damit zu neuen Formen der Gesellschaftlichkeit. Das war es, was in der Großen Depression geschah. Sie brachte eine Bewegung von hobos (Landstreicher_innen) hervor, die aus Frachtzügen ihre Commons machten, im Bestreben um Freiheit von Mobilität und Nomadentum. An den Gleiskreuzungen organisierten sie hobo jungles: auf Selbstverwaltung und Solidarität beruhende Prototypen jener kommunistischen Welt, an die viele ihrer Bewohner_innen glaubten. Abgesehen von einigen ,,box-car Berthas“* handelte es sich dabei allerdings um eine überwiegend männliche Welt, eine Bruderschaft von Männern, die auf lange Sicht nicht bestehen konnte. Sobald die Wirtschaftskrise und der Krieg zuende waren, wurden die hobo-Männer von den beiden großen Triebkräften der Arbeitskraftfixierung domestiziert: der Familie und dem Haushalt. Das amerikanische Kapital wusste um das Risiko einer Neuzusammensetzung der Arbeiter_innenklasse in der Depression, und so überbot es sich selbst bei der Anwendung des Prinzips, das seine Organisation des wirtschaftlichen Lebens kennzeichnet: Kooperation an den Produktionsstätten, Trennung und Atomisierung an den Stätten der Reproduktion. Die atomisierten, seriellen Familienhäuser der Levittowns und ihre Verlängerung, das Auto, stellten nicht nur die Arbeiter_innen still, sondern machten auch den autonomen Arbeiter_innen-Commons der hobo jungles den Garaus.

*(Fußnote: ,,Boxcar Bertha“ ist Martin Scorseses Verfilmung von Sister of the Road, der fiktionalisierten Autobiografie der reisenden Aktivistin Bertha Thompson)

Silvia Federici, Aufstand aus der Küche

#9

Blick über das verschneite Wernigerode im Harz

Wenn ,,Weiblichkeit“ in der kapitalistischen Gesellschaft als Arbeitsfunktion konstituiert worden ist, die die Produktion der Arbeiterschaft unter dem Deckmantel eines vermeintlichen biologischen Schicksals verschwinden lässt, dann ist ,,Frauengeschichte“ zugleich auch ,,Klassengeschichte“. Dann gilt es zu fragen, ob die geschlechtliche Arbeitsteilung, die diesen bestimmten Weiblichkeitsbegriff hervorgebracht hat, überwunden worden ist. Wird diese Frage verneint (und sie muss angesichts der gegenwärtigen Organisation der Reproduktionsarbeit verneint werden), dann ist ,,Frauen“ eine legitime analytische Kategorie, und die mit der ,,Reproduktion“ zusammenhängenden Tätigkeiten bleiben für Frauen ein wesentliches Kampfterrain, wie sie es auch für die Bewegung der 1970er Jahre waren, für die sich die Geschichte der Hexen auf dieser Grundlage erschloss.

Silvia Federici, Caliban und die Hexe

#8

Bewaldete Berglandschaft mit Fluss

,,Die Hausarbeit ist also, wie wir sehen, nicht technologisiert, sondern reduziert, kommerzialisiert und an verschiedene Subjekte umverteilt worden. Zu diesen Subjekten zählen Kinder und Beziehungspartner_innen, vor allem aber bezahlte Hausarbeiter_innen. Bei letzteren handelt es sich überwiegend um migrantische Frauen. Auf Grundlage der Pauperisierung der Bevölkerungen des globalen Südens und der ehemals sozialistischen Länder ist eine neue internationale Arbeitsteilung entwickelt worden, innerhalb derer migrantische Frauen aus Osteuropa, Afrika, Lateinamerika und Asien einen beträchtlichen Teil der Reproduktion der metropolitanen Arbeiter_innenschaft übernehmen. Sie kümmern sich sich insbesondere um die Kinder- und Altenpflege sowie um die sexuelle Reproduktion männlicher Arbeiter. Dies ist in vielerlei Hinsicht eine überaus wichtige Entwicklung gewesen. Hinsichtlich ihrer Organisationsweise und ihrer politischen Implikationen ist sie jedoch problematisch. Die Abwertung der Hausarbeit – ihre Unsichtbarkeit als Arbeit und ihre bereits seit langem beobachtbare Gleichsetzung mit unbezahlter Arbeit, in manchen Ländern sogar mit Sklaverei – hat sich ebenso wie die Tatsache, dass es sich heute bei vielen bezahlten Hausarbeiterinnen um Migrantinnen sowie häufig auch um Schwarze Frauen handelt, stark auf die Arbeitsbedingungen ausgewirkt und neue Spaltungen zwischen Frauen geschaffen. Zwar begrüßen Regierungen die ,,Globalisierung der Pflegearbeit“, da sie ihnen erlaubt, ihre Investitionen in die Reproduktion zu senken. Es stimmt auch, dass bezahlte Hausarbeiterinnen bereits seit Beginn der feministischen Bewegung die Trägerinnen einige der bedeutendsten auf dem Gebiet der Hausarbeit ausgetragenen Kämpfe gewesen sind. Dennoch machen die in der bezahlten Hausarbeit zu verzeichnenden Arbeitsbedingungen diese Arbeit zum zeitgeschichtlichen Pendant der Plantagenarbeit. Die Löhne sind dort am niedrigsten, die Rechte der Arbeiterinnen sind stark eingeschränkt – in den USA gibt es nur einen Bundesstaat, New York, in dem die bezahlte Hausarbeit überhaupt als Arbeit anerkannt wird – und die Arbeiterinnen sind gezwungen, jahrelang fern ihrer Heimat zu leben, wodurch sie sich von ihren Familien und ihren Communities entfremden.“

Silvia Federici, Aufstand aus der Küche

#7

Felsformation aus der Sächsischen Schweiz

,,Verarmung, Erwerbslosigkeit, Überarbeitung, Obdachlosigkeit und Verschuldung sind mit der wachsenden Kriminalisierung der Arbeiter_innenklasse einhergegangen. In den USA wird eine Politik massenhafter Inhaftierung betrieben, die an die ,,große Einschließung“ des 17.Jahrhunderts erinnert und mit der Entstehung eines Proletariats ex lege einhergeht. Dieses Proletariat setzt sich zusammen aus papierlosen migrantischen Arbeiter_innen, Studierenden, die ihre Kreditschulden nicht länger bedienen können, Verkäufer_innen illegaler Güter und Sexarbeiter_innen. Es handelt sich um eine Masse von Proletarier_innen, die im Verborgenen lebt und arbeitet. Sie erinnert daran, dass die Herstellung rechteloser Bevölkerungsgruppen – Sklav_innen, Schuldknechte und andere unfreie Arbeiter_innen, Sträflinge, sans papiers – ein strukturelles Erfordernis der Kapitalakkumulation bleibt. Besonders brutal ist der Angriff auf die Jugend ausgefallen, insbesondere die Schwarze Jugend aus der Arbeiter_innenklasse, die die black-power-Bewegung hätte beerben können. Ihr ist nichts zugestanden worden: weder die Möglichkeit dauerhafter Beschäftigung noch Zugang zur Bildung. Doch auch viele Jugendliche aus der Mittelschicht sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Preis eines Studiums ist hoch, was Verschuldung nach sich zieht, und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Unfähigkeit, die Studienkreditschulden zu bedienen. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist ausgeprägt und die sozialen Verhältnisse werden zunehmend steril, da der Mangel an Stabilität der Entstehung gewachsener Communities entgegenwirkt.“

Silvia Federici, Aufstand aus der Küche

#6

Ostsee

,,Dieser Paradigmenwechsel [Entdeckung von Reproduktionsarbeit] hatte auch politische Konsequenzen. Die unmittelbarste dieser Konsequenzen bestand in der Zurückweisung bestimmter Losungen der marxistischen Linken. Zurückgewiesen wurden etwa Vorstellungen von ,,Generalstreik“ oder von der ,,Arbeitsverweigerung“, denn Hausarbeiterinnen waren dabei nie mitbedacht worden. Wie Mariarosa Dalla Costa in einem Artikel zu diesem Thema schrieb, wurde den Frauen zunehmend klar, dass es ,,noch nie einen Generalstreik gegeben“ hat.“

Wenn sich die Hälfte der Bevölkerung zuhause in der Küche aufhält, während die andere Hälfte streikt, dann handelt es sich nicht um einen Generalstreik. Wir haben noch nie einen Generalstreik erlebt. Wir haben lediglich erlebt wie Männer, in der Regel Männer aus den großen Fabriken, auf die Straße gehen, während ihre Frauen, Töchter, Schwestern und Mütter in den Küchen weiterkochen.

#5

Eine rote Sonnenblume

,,Das Ausmaß, in dem die Reproduktion der Arbeiter_innenschaft aktiv auf einem unterentwickelten Niveau gehalten wird, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass weltweit Millionen von Menschen unbeschreibliche Not und die Aussicht auf Tod oder Inhaftierung in Kauf nehmen, um auszuwandern. Die Migration ist sicherlich nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein Exodus hin zu einem höheren Kampfniveau sowie ein Mittel, um sich geraubten Wohlstand wiederanzueignen […]. Das ist der Grund, weshalb die Auswanderung weltweit einen autonomen Charakter angenommen hat, so dass es für die Sozialtechniker schwierig geworden ist, sie als Mechanismus zur Regulierung des Arbeitsmarktes zu verwenden.

Es scheint auch der Grund zu sein, weshalb sie angegriffen wird. Was tatsächlich kriminalisiert wird, ist die Entschlossenheit der Migrant_innen, Grenzen zu überschreiten, wie es ihren Bedürfnissen entspricht, unabhängig von internationalen Beschränkungen: ihre Entschlossenheit, selbstständig darüber zu entscheiden, wohin sie migrieren und welche Art von Arbeit sie suchen, ihre Weigerung, sich in ein von Unterordnung gekennzeichnetes Leben zu fügen, sondern für bessere Lebensumstände und politische Rechte zu kämpfen. Mit anderen Worten: Die ,,Blutgesetzgebung“, die die Europäische Union und die USA in den vergangenen Jahrzehnten betrieben haben, erklärt sich aus der Fähigkeit der Migrant_innen, ihre Rolle als Opfer unabänderlicher Notwendigkeiten und als bloße, nach den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes verschiebbare Arbeitskraft zurückzuweisen.

Dennoch kann es keinen Zweifel daran geben, dass die Entscheidung von Millionen von Menschen, ihre Länder zu verlassen, zugunsten einer ungewissen Zukunft an einem tausende von Kilometern entfernten Ort, darauf zurückgeht, dass sie sich nicht reproduzieren können, jedenfalls nicht auf einem angemessenen Niveau. Dies wird besonders deutlich, wenn wir uns bewusst machen, dass die Hälfte der neuen Migrant_innen Frauen sind, oft verheiratete Frauen mit Kindern, die sie zurücklassen müssen. Aus historischer Sicht ist das eine sehr ungewöhnliche Praxis. Frauen sind gewöhnlich diejenigen, die zurückbleiben, nicht aufgrund fehlender Initiative oder traditioneller Einschränkungen, sondern weil sie dazu erzogen worden sind, am meisten Verantwortung für die Reproduktion ihrer Familien zu übernehmen. Wenn daher hunderttausende von Frauen ihr Zuhause verlassen und dabei die Möglichkeit jahrelanger Demütigung und Isolierung in Kauf nehmen, wenn sie mit der Pein leben, die Menschen, die sie lieben, nicht so zu pflegen, wie sie Fremde auf der ganzen Welt pflegen, dann können wir davon ausgehen, dass sich innerhalb der weltweiten Organisation der Reproduktion Dramatisches abspielt.“

Silvia Federici, Aufstand aus der Küche